Julian – Warners Spring

von | 25. Mai. 2022 | Allgemein

‚Hast du schon einmal im Cowboy Camping geschlafen?‘ fragte mich der junge Amerikaner. Wir sassen, lagen oder standen vor Jacks Grocery Produce & Deli in Julian.

Nein, das hatte ich noch nie. ,Du liegst in deinem Schlafsack, schaust direkt in die Sterne und der Wind streicht über den Gesicht. Es ist dunkel, du hörst das Jaulen der Kojoten und es ist einfach wunderbar!‘

Wunderbar? Und die Klapperschlagen, Skorpione, Bunnys und Füchse schleichen um mich herum, waren eher meine Gedanken. Doch ich fand es auch spannend, dass ich dann das Zelt nicht mehr abbauen müsste und dass ich dadurch wieder relativ schnell auf dem Trail sein würde.

Ich hatte mich nach zwei Zeros, die so nicht eingeplant waren, entschlossen wieder auf den Trail zurückzukehren. In Jacks Grocery deckte ich mich mit Food für die nächsten drei Tage ein. Ich belud meinen Rucksack mit sieben Liter Wasser. Mein Plan war mit Hitch Hiking von Julian an den Trail Head Am Scissoir Crossing zu kommen. Die Blasen an den grossen Zehen hatte ich dick mit Bebanthen eingerieben und mit Zinkpflaster abgeklebt.

Also stellte ich mich nachmittags an die Strasse und streckte den Daumen raus. Es ist leider nicht von Vorteil, als älterer Herr mit Bart einen Hitch zu erhalten. Doch nach einer halben Stunden hatte ein Paar erbarmen. Sie drehten ihren Nissan Pick up und luden mich auf. Noch nie hatte ich ein so vermülltes Auto gesehen. Der Fahrer musste zuerst den hinteren Sitz frei räumen, damit ich überhaupt einsteigen konnte. Dann ging es im flotten Tempo die Strasse runter. Wir unterhielten uns aufgeregt über Familie, den PCT und die Situation in Europa. Doch als der Driver dann so nebenher meinte, dass diese Situation mit seinem Donald Trump nie entstanden wäre, musste ich leer schlucken und das Gespräch verstummte.

Unter der Brücke in Scissoir Crossing warteten bereits weitere Hiker um wieder auf den Trail zu gehen. Doch es war noch zu heiss. Für die San Diego Country war eine Hitzewarnung heraus gegeben worden. Nur in der Wüste war es anscheinend immer heiss. Trail Angels hatten Wasser bereit gestellt. Im Schatten lagen alte Kissen und sogar ein Lehnstuhl. Ich legte mich auf eines der Kissen und döste eine Stunde vor mich hin.

Gegen fünf Uhr nachmittags begannen Hiker in kleinen Gruppen weiter zu wandern. So auch ich. Mein Ziel war es einige Kilometer den Berg hinauf zu klettern um dann an einem schönen Platz zu campen. Es ging nach dem überqueren des Highways einfach mal 400 Meter den Berg hinauf.

Nach zwei Stunden fand ich einen schönen Spot. Zwischen Büschen und Felsen, etwas abseits vom Trail. Ich entschied mich nun auch einmal so ein Cowboy Camp zu machen.

Ich packte nur das Nötigste aus und kochte mir Ramen Nudeln. Da entdeckte ich den kleinen Fuchs, der mir neugierig lange Zeit zuschaute. Ich dachte mir, wenn der Fuchs so neugierig ist, würde er sich sicher an mein Lager machen. Also band ich ich meine Schuhe am Rucksack fest, verstaute alles im Rucksack und versteckte mich tief im Schlafsack.

Ich schlief wunderbar. Irgendwann nach Mitternacht wachte ich auf und einer unglaublich schöne Landschaft tat sich vor mir auf. Der Mond war aufgegangen und man hätte ohne Licht weiter wander können.

Donnerstag, 19. Mai 2022

Ich wachte im ersten Morgengrauen auf und wusste, dass ich nun ca. 17 km wandern müsste, bis zur nächsten Wasserstelle. Es wurde wieder unerträglich heiss. Nach langen und heissen Stunden kam ich endlich an diesem ‚Water Cache‘ an. Trail Angels hatten über eine Sandpiste Dutzende Gallonen Wasser an den Trail gebracht.

Mir fiel auf, dass ich nicht der Einzige war, dem die Hitze zu schaffen machte. Unter jedem Busch und noch so kleinem Schatten lagen die Hiker. Also packte auch ich meine Zeltunterlage aus und legte mich in den Schatten.

Doch ich wollte noch ein paar Kilometer vorwärts kommen um wieder Cowboy Camping zu machen. Ich fand einen Spot, der etwas vorgelagert war. Doch Böen zwangen mich die Unterlagen mit grossen Steinen zu beschweren, damit nichts weggeblasen wurde. Doch wie machte ich das mit der ultraleichten Matte und dem Schlafsack.

Ich entwarf einen Plan. Zuerst würde ich mich verpflegen. Dann Zähne putzen und Merino Wollsachen anziehen. Dann setzte ich mich auf die Zeltunterlagen. So würde ich meine Matte aufblasen. Dann setzte ich mich auf die Matte und würde den Schlafsack aufmachen um mich sofort darin zu verstecken. Ich müsste aber immer auf der Matte und der Unterlage bleiben, damit nichts weg geblasen werden könnte. Die Nacht wurde extrem unbequem. Ich hörte das Orgeln des Windes und wusste, dass es nun Sekunden gehen würde, bis mich diese Böe erreichen würde.

Irgendwann bemerkte ich Feuchtigkeit auf meinem Gesicht. Zusätzlich wurde es immer kälter. Mit der Hand fuhr ich über den Schlafsack. Bereits hatte sich Tau gebildet. Ich entschloss mich sofort aufzustehen und weiter zu marschieren. Mit Hilfe der Stirnlampe packte ich alles zusammen und als mich auf den Weg machte, dämmerte es bereits.

Freitag, 20. Mai 2022

Den ganzen Tag blies ein kalter und ungemütlicher Wind. Die Temperatur war vom Vortag mit über 40° C auf ca. 5° C gesunken. Ich wanderte mit warmer Jacke und Kopfbedeckung. Doch im Prinzip war es ideales Wanderwetter. Ich kam gut vorwärts. Nachmittags passierte ich Eagle Rock. Mein Plan war vor vier Uhr nachmittags in Warner Springs mein Bounce Paket abzuholen.

Bereits einige Minuten nach drei kam ich in Warner Springs an. Doch dann stellte ich fest, dass das US Postal Office 3 Meilen am anderen Ende des Ortes lag. Da war ich doch glatt zuerst in die falsche Richtung gewandert. Also nichts wie zurück und zehn Minuten vor Betriebsschluss konnte ich mein Paket in Empfang nehmen. Paket auf, raus, was ich brauchen würde und rein, was ich nicht mehr tragen wollte. Dann weitersenden nach Idyllwild. So geht das!

In der daneben liegenden ‚Gas Station‘ deckte ich mich mit Food für die nächsten fünf Tage ein und wanderte dann weiter zum Schulhausplatz, wo ich mein Zelt aufschlagen wollte. Dort waren WC, eine Kübeldusche und Tische vorhanden. Reiner Luxus nach den Nächten in der freien Natur. Bei einer Kübeldusche leert man sich mit Hilfe eines Kruges kaltes Wasser über den Kopf.

Die anderen Hiker wollten noch einige Meilen machen und verschwanden nach und nach. Mir war das nicht klar. Es wäre doch ein wunderbarer Übernachtungsort. Erst der letzte Hiker machte mich dann darauf aufmerksam, dass man hier nur von drei bis sieben nachmittags bleiben könne, denn morgens wären die Kinder der Schule wieder hier. Also musste ich um zehn vor sieben meine Sachen packen und mich auf den Trail machen.

Ich hatte Glück. In einem wunderschönen Waldstück hatten sich ein halbes Dutzend der Hiker versammelt und ihre Zelt aufgestellt. Freudig wurde ich begrüsst. Mit der Stirnlampe baute auch mein Zelt auf und schlief bald todmüde ein!

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