Donner Pass – Sierra City

von | 4. Aug.. 2022 | Allgemein, Pacific Crest Trail, Pacific Crest Trail PCT

Nun hatte ich den endgültigen Beweis. Auf dem Trail kamen mir zwei Pferde entgegen. Schlanke Tiere, die sich ihren Weg geduldig suchten. Beritten von zwei Frauen, die die Pferde mit leisen Stimmen leiteten. Dann stiegen die Reiterinnen ab, um die Pferde über die Stufen des Trails zu führen.

Ich wusste ja, dass Pferde Treppen steigen können. Doch nun staunte ich echt Bauklötze. Die Reiterinnen, die neben den Pferden her wanderten führten die Tiere ruhig und sicher über den Trail. Sicher und ohne zu zögern setzten die Vierbeiner einen Fuss nach dem anderen auf den rutschigen Untergrund. Es war echt spannend.

Am Morgen des 1. August waren wir in Truckee zu einem weitern Wandertag auf dem PCT aufgebrochen. Ein Uber chauffierte uns auf den Donnerpass. Ich war nicht überrascht, als ich dort eine Gedenktafel über die Donner Party fand. Eine unglaubliche Geschichte! (Seit ich tot bin, kann ich damit leben, Willi Näf)

Es nieselte leise und so trödelte ich im Trockenen etwas herum. Dann schien es abzutrocknen und wir wanderten los. Sara und Marc zogen vorne weg und jeder fiel in sein Tempo. Ich war etwas wehmütig, vermisste das ganze drumherum des 1. August. Doch was mir am meisten fehlte war ein Cervelat vom Feuer geröstet oder eine OLMA Bratwurst. Beides ohne Senf, versteht sich von selber! Mir fehlten die Festbänke, die Musikkapelle, die Ansprache und der Lampionumzug. Doch ich stellte mir alles virtuell vor und setzte einen Schritt vor den anderen.

Es war den ganzen Tag bewölkt und nieselte immer mal wieder. Perfektes Wanderwetter. Nicht heiss und eigentlich trocken. Die Gegend wurde dem Toggenburg immer ähnlicher. Oder einem Wald im Oberland von St. Gallen, Glarus oder in Graubünden. Nur waren die Tannen oft mächtiger oder lagen quer über dem Trail.

Der Weg war angenehm zu bewältigen. Kurze Steigungen und mässige ‚Downhills‘. Es ging recht flott vorwärts. Obwohl ich erst kurz vor Mittag gestartet war, konnte ich 24 km zurück legen.

In einer Senke fand ich einen wunderschönen ‚Tentsite‘. Ein Hiker lag bereits um halb sieben Abends im Zelt. Ich versuche leise zu sein. Die Mücken waren in Angriffsposition. Doch ich hatte vorgesorgt. In einem Store in Truckee hatte ich mir Räucherstäbchen besorgt. Ich steckte zwei dieser Stäbchen in den Erdboden und zündete sie an. Es roch augenblicklich nach Eukalyptus. Gleichzeit steckte ich mir einen Zigarillo an. Dicke Rauchwolken ausstossend stellte ich mein Zelt auf.

Dann kam Ti-Rex um die Ecke. ‚Do you miss your sleeping bag?‘ fragte er mich. Er hätte unterwegs einen Bag gefunden und mitgenommen. Meiner war es nicht, dann ich hatte mein Heim für diese Nacht bereits eingerichtet. Doch mir kam in den Sinn, dass vor einer halben Stunden ein Hiker zurück gewandert sei, da er seinen Schlafsack und seine Luftmatratze verloren hätte.

Ti -Rex legte den Bag an den Trail in der Hoffnung, dass der Hiker zurück kehren würde und ihn so vorfinden könnte. Bald darauf schliefen alle auf dem Platz.

Am nächsten Morgen liess ich mir Zeit. Ich hatte gelernt, dass es besser ist mit dem Herzen zu denken und den Kopf auszuschalten. Die Landschaft änderte sich nicht gross. Es ging über Wiesen und durch Wälder. Das Ende des Waldes war in der Ferne nicht zu erkennen. Tiefblaue Seen schimmerten durch das Grün.

Ich hatte meine Kopfhörer eingesetzt und liess mich durch ein Hörbuch berieseln. Ich bemerkte gar nicht, dass der Kopf wieder das Kommando übernahm. Plötzlich dachte er sich: ,Wenn wir dieses Tempo beibehalten, sind wir um sechs Uhr abends beim Highway und können noch nach Sierra City trampen. Die Anderen sind sicher schon dort!‘ Ich liess mich vom Kopf verführen und legte einen Marsch von 38 km hin. Doch kurz vor dem Highway merkte ich wie dumm ich war. Wenn ich abends nach sechs in so eine kleine Stadt einmarschiere werde ich kein gescheites Hotelzimmer mehr finden. Die Restaurants schliessen vor acht. Ich kann kaum duschen und Wäsche waschen und morgens muss ich trotzdem um elf aus dem Zimmer. Kurzerhand zog ich die Handbremse. Meine Wanderschuhe legten eine Bremsspur hin. Direkt am Highway stellte mein Zelt auf. Versteckt hinter Tannen und Gebüsch. Und zwar immer so, dass man mich mit einem Auto nicht überrollen konnte.

Dann überholte mich T-Rex. Er erzählte, dass er den Besitzer des Schlafsackes und der Matte gefunden hätte. Er sei bis drei Uhr morgens zurück gewandert und nur dreissig Fuss, also 90 Meter von uns entfernt hätte er ohne Schlafsack und Matte übernachtet. Es war eine kalte Nacht. Doch nun sei er froh, dass er seine Utensilien wieder hätte.

Ich schlief wunderbar. Um sieben wachte ich auf. Mit der Gewissheit, dass ich in einer guten Stunde in einem Restaurant vor einem Frühstück mit ‚Eggs Sunny Side up‘, Toast, ‚Bacon‘ und ‚Hash Browns‘ sitzen würde. Heisser Kaffee und Cola mit viel zu viel Eis. Richtiges Cola!

Um halb acht stellte ich mich an den Highway. Doch es war wie auf der Strasse von St. Peterzell nach Bächli. Alle Viertelstunde ein Auto. Und von denen wollte mich niemand. Um fünf vor acht schulterte ich meinen Rucksack und nahm die 1.5 Meilen unter die Wanderschuhe. Doch da sah ich einen Jeep Renegade aus einer Querstrasse vis-à-vis fahren. Der Jeep hielt an und der Driver schien mir zu winken. Ich überquerte die Strasse und die Beifahrertür wurde aufgestossen. Der Aufforderung meinen Rucksack in den Kofferraum zu hieven folgte ich noch so gerne. Ein Jeep Fahrer! Die sind einfach nett!

Ich stellte mich vor und der Fahrer reichte mir seine Hand. Er sei Peter und eigentlich käme er aus Deutschland. Aber seit über 40 Jahren lebe er nun in Kalifornien. Alles ins Englisch. Aber immer noch unverkennbar mit Akzent. Er sei bei der freiwilligen Feuerwehr und jeden Morgen um acht treffen sich die älteren Feuerwehrmänner im ‚Moods‘ um die neusten Informationen auszutauschen. Das passte perfekt. Eine Viertelstunde später sass ich mit Sara und Marc auf der Terrasse im Moods beim Frühstück. Sara und Marc waren bereits am Vortag in Sierra City eingetroffen und machten sich um zehn wieder auf den Trail. Ich mietete mich in einem wunderbaren ‚Cabine‘ ein.

Schon lange nicht mehr hatte ich mich in einem Ort so wohl gefühlt. Von meinem Platz aus sehe ich in ein Tal. Rundherum Tannen und unten ein Fluss. Ich sehe einen Wasserfall. In den ‚Gumpen‘ schwimmen Gummiboote. Kinder spielen und schwimmen um die Wette. Ich sehe mich als kleinen Hansruedi am Wasserfall. Als Einziger hatte ich den Mut einen Köpfler zu machen. Doch ich wüsste nicht, ob ich das hier machen würde. Denn es ist alles einfach zehnmal grösser als damals im Neckertal.

Die Situation um die ‚Wildfire‘ wird jeden Tag problematischer. Momentan ist mehr als die Hälfte es PCT in Oregan gesperrt.

Ich werde morgen von Sierra City nach Quincy aufbrechen. Das sind rund 120 km. ‚Vier Tage‘ sagt mein Kopf. ‚Mach doch einfach halblang und geniess mal. Fünfeinhalb Tage.‘ sagt mein Herz.

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