Sierra City – Quincy

von | 10. Aug.. 2022 | Allgemein, Pacific Crest Trail, Pacific Crest Trail PCT

Der schwere LKW bremste langsam ab. Lange, schwere und schwarz angekohlte Tannenstämme lagen auf dem Anhänger. Quietschend hielt das Gefährt vor dem Lichtsignal an der Quincy – Junction. Schon folgte der nächste Lastenzug. Genau gleich schwer beladen.

Mir schoss ein Bild durch den Kopf. Als kleiner Junge von acht Jahren stand ich in Schwarzenbach SG an der Kreuzung neben dem Gasthof Rössli, den meine Eltern führten. Ich beobachtete wie die Lastwagen der Sägerei um die 90 Grad Kurve Richtung Jonschwil fuhren. Die Stämme lagen vorne auf einem Zugfahrzeug auf. Hinten wurde das Holz durch einen Extrawagen gehalten. Nur ein Bremskabel und die elektrischen Leitungen, die auf den Stämmen lagen, verbanden diesen Wagen mit dem Zugfahrzeug. Dort, versteckt unter den Stämmen, den Kopf eingezogen, sass auf einem schwankendem Schemmel ein Mann. Er drehte wie wild an der Kurbel, die die Räder bewegten, damit der Anhänger auch um die Kurve fuhr. Ich musste grinsen, anlässlich der Bilder, die mein Kopf da hervor brachte. Die US Fahrzeuge waren anders konstruiert. Eine lange Deichsel verband den Anhänger mit dem Lastwagen und vor allem sind die Strassen in USA dreimal so breit wie in der Schweiz. Wenn der Transporter in der Schweiz schon lange in der Wiese gefahren wäre, käme hier noch ein Pannenstreifen, ein Grünstreifen und dann der Gehweg!

Am Vortag, es war Sonntag, kam ich in Quincy an. In einem alten Motel fand ich ein Zimmer. Ich duschte gefühlt eine Stunde und fühlte mich erfrischt. Am Donnerstag zuvor verliess ich Sierra City. Es war mir nicht leicht gefallen. Die kleine Stadt mit grossem Charme hatte es mir angetan. Ich übernachtete im Buttes Ressort. Ein kleines ‚Cabine‘ war meins. Es war schön eingerichtet. Dusche, Toilette, eine kleine Küche mit allem was man braucht und ein Schlafzimmer. Ich sass unter riesigen Bäumen. Es wehte ein leichter Wind, der angenehm kühlte. Mein Blick glitt in ein Tal mit einem Fluss und dem Wasserfall. Das war mein Welt, in der ich mich wohl fühlte.

Doch meine Traumfrau hatte ein Paket bereit gemacht. Unser Freund Peter brachte es auf einem Flug nach San Francisco in die USA und würde mir das Paket nach Chester senden. Ich freute mich wie ein kleines Kind darauf. Darum wollte ich weiter.

Also stand ich an die Strasse und streckte den Daumen. Nach einigen Minuten hielt ein schwerer Pick-Up. Ich wuchtete den Rucksack auf die Ladefläche und stieg hinterher. Der Driver gab Gas und hielt am Trailhead. Dort stieg er aus und meinte, dass der Aufstieg hier nichts Schönes sei. Neun Meilen, also gut 15 km nur aufwärts und fast kein Schatten. Ob er mich an einen schöneren Ort fahren dürfe? Ich könne dort durch eine wunderbare Seenlandschaft wandern. Es wäre etwa gleich weit, aber mit viel Schatten und wunderschönen Gewässern. Das war nun echt eine Überraschung. Also fuhren wir über Stock und Stein und an einem anderen Trailhead stoppte er. Ich marschierte los. Es war wirklich eine wunderbare Gegend. Der Trail führte an verschiedenen Seen entlang. Bear Lake, Lower Sardine Lake, Upper Sardine Lake, Long Lake und Silver Lake waren nur einige der Seen. Am Schluss noch der Mud Lake und dann war ich wieder auf dem PCT. In einer wunderschönen Lichtung stellte ich mein Zelt auf.

Irgendwann in der Nacht hörte ich Schritte auf mein Zelt zukommen. Es hörte sich an, als ob ein Hiker mit den Stöcken auf dem Trail an meinem Zelt vorbei stöckelte. Doch dann raschelte es wieder. Normalerweise folgten nun metallische Geräusche durch die Zeltstangen. Man hört auch das Rascheln des Stoffes, wenn das Zelt aufgestellt wird. Doch nur leises trappeln. Ich wollte es genauer wissen. Denn falls sich da ein Bär tummeln würde, müsste ich Meister Petz wohl klar machen, wer der Chef auf dem Platz ist! Meine Stöcke liegen immer griffbereit unter dem Vorzelt. Also öffnete ich das Innenzelt, nahm die Stöcke in die Hand und zwar so wie einen Säbel. Dann bewegte ich laut und schnell den Reissverschluss des Aussenzeltes und schaute hinaus.

In einigen Metern Abstand stand ein Reh. Das Tier schaute auf. Ich sah das Glühen der Augen. Nun senkte es den Kopf wieder und äste gemütlich weiter. Ich zog mein IPhone aus dem Innern, drehte einen Video mit Licht, machte Fotos mit Blitz. Nichts konnte das Tier aus der Ruhe bringen. Ich schloss das Zelt und schlief weiter.

Irgendwann in der Nacht begann es zu tröpfeln. Es regnete. Schnell kontrollierte ich, ob alle Reissverschlüsse sauber geschlossen waren. Das gleichmässige Geräusch der Regentropfen liess mich genüsslich einschlafen. In der Morgendämmerung wurde das Tröpfeln zu einem Wolkenbruch. In kleinen Bächen lief das Wasser um mein Zelt. Über Garmin Satellit bestellte ich den Wetterbericht. Diese Prognose ist sehr genau auf das Tal oder den Ort, von wo aus sie angefordert wird, ausgestellt. Um neun solle es aufhören zu regnen. Spitzbübisch lächelte ich in mich hinein. Jetzt schlafe ich einfach aus, bis mein Zelt wieder trocken ist. Um halb acht schien es bereits aufzuhören. Doch dann kam nochmals ein gewaltiger Schauer und in der Ferne hörte ich Donnergrollen. Ich schlief weiter und als ich um neun aufwachte, war das Zeltdach bereits abgetrocknet. Ich packte zusammen. Der Zeltboden war nass und so nahm ich mir vor an diesem Tag nur bis nachmittags um vier zu wandern um dann das Zelt über Äste und an Bäumen aufzuhängen und erst aufzubauen, wenn es trocken war. Denn das Zelt war im Moment wohl trocken. Doch durch das zusammenlegen wurde das Innenzelt auch nass.

Dann änderte sich die Landschaft schlagartig. Plötzlich stand ich inmitten von schwarzen Baumruinen. Ich hatte das Gebiet des Bear Fires erreicht. Ein Feuer, das vor wenigen Jahren grosse Teil um den Bear Lake vernichtete. Es war interessant zu beobachten, wie die Firefighters mit schwerem Gerät riesige Schneisen in den Wald geschlagen hatten. Und es half. Auf der einen Seite standen die verkohlten Bäume. Auf der anderen Seite strotzten die Bäume gesund und vom Feuer nicht angegriffen.

Einige Stunden wanderte ich durch diese Burning Areas. Es war nicht nur deprimierend. Denn immer wieder konnte ich beobachten, wie die Natur sich neu aufbaute. Blumen blühten. Gras und Gebüsch nahm sehr schnell Platz in Anspruch.

Auf dieser Etappe teilte ich mir den Weg besser ein. Am Sonntag wollte ich in Bucks Lake sein. Mein Idee war, dort mein Zelt aufzustellen und am Montag nach Quincy zu trampen. Mittags war ich bereits in Bucks Lake beim General Store. Ich hatte meinen Rucksack leer gefressen. Einen einzigen Beutel Pulver für Kartoffelstock hatte ich noch. Also setzte ich mich vor den General Store, kaufte und ass alles, was ich gerade Lust hatte.

Irgendwann fuhr ein Amerikaner in einem wunderschönen Mercedes Wohnmobil vor. Wir kamen ins Gespräch und er fragte, ob ich nach Quincy wolle. Aus dem Stand heraus änderte ich meine Pläne und bekam einen interessanten Hitch. Die Eltern des Drivers waren Japaner, die nach USA auswanderten. Er wurde hier geboren und ist sechzig Jahre alt wie ich. 1995 wanderte er auf dem PCT. Es war dasselbe Jahr, als Cheryl Strayed, die Autorin von ‚Wild‘ auf dem PCT war. Er erzählte, dass er im Yosemite Nationalpark gerade mal drei Menschen getroffen hätte und dass der Schnee am Independence Day, dem 4. Juli, noch meterhoch lag. Ich musste schmunzeln. Wenn ich das meiner verstorbenen Mutter erzählen könnte würde sie lakonisch antworten: ‚Dä hät worschinli dä Schnee i dä Breiti gmässä!‘

In Quincy machte ich mir Pläne für den Rest meines grossen Abenteuers. Mein rechter Fuss will nicht mehr so recht. Die Situation der ‚Wildfire‘ und die Zeit, die ich noch habe, muss ich berücksichtigen.

Aufhören will ich nicht. Ich will an die kanadische Grenze. Darum sieht mein Plan so aus. Ich werde mit dem Bus nach Chester fahren, wo mein Paket aus der Schweiz ankommen sollte. Irgendwie werde ich dann die Burning Area des Dixie Fires skippen. Dann muss ich in Burney ein bestelltes Ersatzarmband für meine Garmin abholen. Dann trampe ich nach Sisters in Oregon. Damit hätte ich alle Feuer hinter mir und kann ich meinem Tempo an die kanadische Grenze wandern. Es wären dann immer noch über 1’200 km. Insgesamt hätte ich dann über 3’300 km gewandert.

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