Cascade Locks – Trout Lake

von | 25. Aug.. 2022 | Allgemein, Pacific Crest Trail, Pacific Crest Trail PCT

Noch 800 km bis Kanada

Die ersten Schritte auf der ‚Bridge of the Gods‘ fühlten sich speziell an. Die Brücke war eine Konstruktion aus Metall. Durch die Streben am Boden sah ich direkt auf den Columbia River, der breit und träge darunter floss.

Jetzt würde ich also den letzten Staat betreten. Noch 800 km Wanderung durch Washington und ich kam an der kanadischen Grenze an und würde mein grosses Ziel erreichen. Der ‚Skip‘ nach Portland hatte mich meinen Ziel näher gebracht als geplant. Doch das war für mich eine glückliche Fügung. Denn jeder Tag später brachte das Risiko von Schneefall oder einem Temperatursturz. So würde ich noch vor Ende September an der Grenze sein.

An der ‚Bridge of the Gods‘ war für Cheryl Strayed – im Film und Buch ‚Wild‘ in der deutschen Fassung als ‚Der grosse Trip‘ bekannt – die Wanderung vorbei. Cheryl startet nach Tehachapi, liess aber die Sierra aus und wanderte bis Cascade Looks. Sie war ungefähr drei Monate unterwegs, die ihr Leben änderten. In diesen Tagen und Wochen schloss sie mit ihrer Vergangenheit ab und war bereit für eine neue Zukunft.

Ich habe das grosse Glück, dass ich bereits ein wunderbares Leben habe. Doch es tut gut Gedanken fertig zu denken. Gedanken auch mal rauschen zu lassen. Es ging gar nie darum nur gescheit zu denken. Manchmal musste ich über mich selber lachen, wenn ich von Bildern in meinem Kopf überrascht wurde. Ich konnte es nicht immer beeinflussen. Es passierte einfach.

Doch der Gang über diese Brücke war ein spezieller Abschnitt auf meiner Reise. Meine Reise würde nun bald zu Ende gehen. Ich erwischte mich dabei, dass ich wehmütig zurück dachte. Es war vor allem körperlich eine grössere Anstrengung, als ich erwartet hatte. Nach einen Wettkampf, einem Ironman, einem langen Velosplitt oder einem Extrem Triathlon war es anders. Ich kam zuhause an und konnte mich zurück lehnen, mich erholen. Doch auf dem ‚PCT Thru Hike‘ musste ich das Zelt aufstellen, mich neu organisieren. Es war wichtig mich zu verpflegen und am nächsten Tag würde es weitergehen. An den ‚Zeros‘ – den Ruhetagen – hiess es duschen, Wäsche waschen und Einkaufen.

Nach der Brücke führte der Trail während einigen Kilometern aufwärts. Der Wald war dicht. Es war, als ob ich in der Küche stehen würde. Dampfend und dicht standen Töpfe auf dem Herd. Die Lüftung schien den Dampf nicht abführen zu können. Der Wald behielt die Hitze und Wärme des Tages. Es war heiss und stickig.

Ich wanderte zusammen mit Urs. Meinem Hiker Buddy aus Solothurn. Auch er war nun früher dran und sein Ziel war es nun einen Monat eher nach Hause zu fliegen. Bereits am ersten Tag legten wir 30 km zurück. Mir war das zu viel. Ich wollte nicht einfach jeden Tag müde und erschlagen ankommen. Ich wollte nun jeden Schritt geniessen. Die letzten Kilometer gehörten mir! Doch es waren noch immer 800 km. Einmal durch die Schweiz und zurück. Aber ich hatte bereits ein mehrfaches an Strecke gewandert!

Wir bauten unsere Zelte an einer wunderschönen Wasserstelle auf. Da wir lange unterwegs waren dunkelte es bereits. Ich schlüpfte in meinen Schlafsack und schlief schnell ein. Als ich morgens aus dem Zelt kroch, war Urs bereits startbereit. Wir verabschiedeten uns und er zog los. Ich packte meine Siebensachen zusammen und stellte fest, dass das Zeltdach nass war. Da ich solange geschlafen hatte, setzte sich der Morgentau auf der Plane fest. Trotzdem packte ich das Zelt zusammen im Wissen, dass ich es unterwegs trocknen müsste.

Es ging während über zehn Kilometern aufwärts. Wieder im dichten Wald. Die Baumstämme waren von Flechten und Moos bedeckt. Ich wollte es etwas langsamer angehen. Die zehn Kilometer waren sehr anstrengend. In den Sierras wanderte ich ständig auf über 3’500 Metern über Meer. Hier waren es zwischen 60 und 1000 Metern über Meer. Da war es natürlich heiss und die Dichte des Waldes liess keinen Wind zu. Der Pieps der Garmin an meinem Handgelenk liess mich aufhorchen. Ich war endlich am Ende des Aufstieges und hatte prompt Empfang. Gleichzeitig war es Zeit für eine Mittagspause. Schnell zog ich das Zelt aus dem Rucksack. Auf einem warmen Felsen breitete ich den feinen Stoff aus. Fast konnte ich zusehen, wie das Zelt trocknete. Dann kochte ich mir einen Kartoffelstock. Dieses eine mal als Abwechslung mit ‚Beef Jerky‘. Dann wollte ich genüsslich zuhause anrufen. Doch was war das? ‚Kein Netz…‘ stand oben links im Display des IPhones. Ich stand auf und trat einen Schritt über den Trail hinaus an den Abhang. Nun hatte ich zwei Striche und AT&T Empfang. Nach einem kurzen Gespräch packte ich alles zusammen und machte mich motiviert auf den Weg.

An diesem Tag traf ich immer wieder auf ‚Stumpy‘. Ein ‚Thru Hiker‘ in meinem Alter. Er würde nur 12 – 15 Meilen, also 20 – 25 Kilometer am Tag wandern. Er war mir bereits am Vortag aufgefallen, als er sein Zelt nachmittags um fünf an einem wunderschönen Spot aufgeschlagen hatte. ‚Stumpy‘ machte mich darauf aufmerksam, dass es bereits nach 5 Meilen Wasser haben würde. Im App war die nächste Wasserstelle nach 10 Meilen eingezeichnet. Also beschloss ich nach einem langen Abstieg kurz vor sechs abends mein Zelt an diesem ‚Spot‘ auszustellen. Der Platz war gross und ich noch alleine. Nach und nach kamen weitere Hiker an und am Ende standen ca. 15 Zelte unter den Tannen um die Gebüsche. Ich verkroch mich früh. Mein Plan war es am nächsten Morgen wieder einmal richtig früh zurück zu starten.

Das gelang mir richtig gut. Noch in der Dunkelheit kochte ich mir im Zelt einen Kaffee. Mein Müsli rührte ich mit etwas Wasser an. Dann packte ich zusammen und war einer der Ersten, der den Zeltplatz verliess. Ich wusste, dass es nun rund fünfzehn Kilometer immer leicht abwärts ging. Dann kam ein Aufstieg, auf den aber ein welliger Trail folgen würde.

Als ich bereits 25 km hinter mich gebracht hatte würde ich an einem Highway von ‚Trail Magic‘ überrascht. Ein ehemaliger ‚PCT Thru‘ Hiker mit dem Trailnamen ‚Hulk‘ hatte seinen ‚Jeep Grand Cherokee Trailhawk‘ am Strassenrand abgestellt. In unzähligen Kühlboxen lag Bier, Cola, Sprite und vieles mehr und einer dicken Schicht aus Eiswürfeln. Im Kreis standen Gartenstühle. Kühle Spalten von Wassermelonen sorgten ebenfalls für Erfrischung. Es war genial. Über eine Stunde räkelte ich mich in meinem Stuhl und danach fiel mit das Aufstehen richtig schwer.

Doch ich musste weiter, denn ich hatte noch keinen Schlafplatz. Die Sonne stand bereits kurz vor der Bergkette im Westen. Als ich in den Wald zurück kam, begann es zu dunkeln. Der Trail führte über einen weiteren Highway. Normalerweise findet man in der Nähe von Strassen immer kleine ‚Tentsites‘. Doch nichts dergleichen. Dann ging es an einem Hang steil nach oben, schräg in ein Tal hinein. Der Wald glich wieder einem Urwald. Baumstämme lagen kreuz und quer. Alles wurde überwuchert von dichtem Moos und Flechten. Es roch nach Erde und Wald. Die Luft war schwülheiss. Den Himmel war durch die dichten Baumkronen nicht zu erkennen. Eine breite Forststrasse mit Ausweichbuchten kreuzte den Weg. Doch auf einem Anschlag wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Strasse benutzt würde und man auf dem Trail bleiben sollte. Es wäre also ziemlich fahrlässig am Rand der Strasse zu campieren, denn die schweren Lastenzügen brauchten jeden Meter um zu kreuzen. Ausserdem würden die Chauffeure ein kleines Zelt aus der hohen Fahrerkabine gar nicht erkennen.

Nach sieben Kilometern wurde es flacher. Doch in der Zwischenzeit hatte es fast gänzlich eingedunkelt. Ich montierte die Stirnlampe und schaute immer wieder nach rechts und links, ob es irgendwo einen ‚Spot‘ gäbe. Dann bemerkte ich einen flachen Waldboden, eine kleine Wiese, einige Meter neben dem Trail. Ich kämpfte mich durch das Dickicht. Auf dieser kleinen Wiese angekommen entfernte ich Äste und drückte Unebenheiten einigermassen zurecht. Dann stellte ich mein Zelt auf. Es hatte genau Platz. Ich warf den ganzen Rucksack ins Zelt und kroch hinterher. Mühsam blies ich die Luftmatratze auf. Mein Nachtessen bestand aus diversen Snacks. Dann wechselte ich die Kleidung und kroch in den Schlafsack.

Doch was war das für ein Pfeifen? Meine Luftmatratze hatte ein Loch. Ich drehte das Teil. Dann befeuchtete ich die Stelle, von wo ich den Ton hörte. Nichts! Nun merkte ich, dass das Geräusch von unter dem Zelt kam. Irgend ein Insekt, ein Skorpion oder ein anderes Tier schien von mir zerdrückt zu werden. Ich versuchte den Zeltboden anzuheben, damit das Tier flüchten konnte. Nichts passierte. Dann klopfte ich den Boden ab. Irgendwann wurde es still. Erschöpft schief ich ein. Als ich das nächste Mal aufwachte, war es zwei Uhr in der Nacht. Ich musste dringend raus. Todmüde sank ich zurück auf die Matratze und schlief weiter. Es war bereits morgens um acht, als ich wieder erwachte. Ich kochte mir einen Kaffee und packte zusammen. Als ich die Luftmatratze zusammen rollte fing dieses Geräusch wieder an. Ein Kratzen und Zischen! Ich baute das Zelt ab und konnte nicht feststellen, was sich das unter meinem Zelt abgespielt hatte. Doch in der Nacht war ich einfach zu müde um Angst zu haben.

Kurz nachdem ich mich auf den Weg gemacht hatte kam mir ein Hiker entgegen. Mir strahlenden Augen erzähle er, dass nach einer Meile ein wundervolles ‚Trail Magic‘ wartete. Als ich ankam, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Drei ‚Trail Angel‘ kochten frische Spiegeleier und Pancakes. Es gab Früchte und Kaffee. Genial, was für eine Motivation!

An diesem Tag wanderte ich zwanzig Kilometer. Als ich auf eine Anhöhe aus dem Wald trat hatte ich einen wunderbaren Blick auf den Mount Hood. Dann nach einigen Kilometern sah ich den Mount Adams. Da musste ich hin. Ich baute mein Zelt auf. Dort in Trout Lake wollte ich zwei Nächte in einem Bed and Breakfast übernachten. Doch es ging rauf und runter. Ich müsste mich also beeilen und vorwärts machen. Ich stand früh auf und konnte 34 Kilometer wandern. Es ging wie immer durch dichte Wälder, mal rauf, mal runter. Es lief super und als ich am nächsten Tag an den Trailhead kam, stand da bereits ‚Dilleydalley‘. Eine junge Thru Hikerin aus Los Angeles. Sie streckte ihren Daumen aus und winkte zusätzlich mit der anderen Hand. Eine nette Dame chauffierte uns in den Ort.

Nun sitze ich auf meinem Bett im B&B Trout Creek Inn. Es ist ein lustiger Ort. Die Besitzer sind anscheinend Iren oder Briten. Das Zimmer heisst ‚Camelot Room‘. Das ganze Haus ist speziell dekoriert. Ich weiss nicht genau, ob nun schon Weihnachten ist.

Morgen werden ich wieder auf den Trail zurückkehren. Noch 669 km bis Kanada.

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