Skilager

von | 24. Feb.. 2020 | Journal

Ein Aufruhr ging durch das ganze Dorf. Nein, ein kleines Beben erschütterte das obere Neckertal, als bekannt wurde, dass man nun in ein Skilager gehen wolle.

Alle Schüler von der sechsten bis zu achten Klasse dürften daran teilnehmen. Eine neunte Klasse gab es damals noch nicht.

Es würde nur ein kleiner Unkostenbeitrag erhoben und ansonsten wäre das pädagogisch sehr wichtig und sozial eine Investition in die Zukunft.

Ein Skilager!

Wir schrieben Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Die Meinungen waren schnell gemacht. Sie gingen von Riesenfreude – vor allem bei uns Kindern – bis zur totalen Abneigung – bei einigen Eltern.

Eigentlich wusste man, dass es solche Lager gab. Doch es war etwas für diese verwöhnten Stadtkinder. Die hatte doch ihre Lagerhäuser im Toggenburg und auch bei uns im Neckertal. Eigene Häuser mit grossen Schlafsälen, die ab und an auch von der Armee belegt wurden. Und man wusste, was für schlecht erzogene Kinder dort jeweils anzutreffen seien.

Nun sollten also die Kinder der Oberstufe aus dem oberen Neckertal aus den Schulhäusern in St. Peterzell in so ein Lager gehen dürfen.

An den Wägitalersee sollte es gehen. In ein Haus nah der Staumauer ‘Schrähhoger‘.

Der Dorfpolizist monierte, dass seinem Sohn so ein Lager gar nichts bringen würde. Lieber würde er ihn eine Woche lang intensiv trainieren, da sein Sohn einmal Skirennfahrer werden soll.

Ein Landwirt reklamierte, dass er seinen Jüngling auf dem Hof brauche. Die Kühe müssten gemolken und am Mittwochnachmittag müsse geholzt werden. Das seien wichtige Arbeiten im Januar. Sicher nicht Ski fahren. Man würde schon noch sehen, was dabei heraus kommt, wenn man die Jungen so verweichlichen täte.

Ein anderer Familienvater hatte das Problem, dass er schlicht und einfach den Unkostenbeitrag nicht aufbringen konnte.

Eine weitere Meinung war, dass man doch auch hier in St. Peterzell gut Ski fahren könne. Es gäbe schliesslich mehre Skilifte am Hemberg, im Bächli der Hörnli Lift, in Schönengrund sogar ein Skilift und eine Sesselbahn. Da müsse man doch nicht in die Innerschweiz fahren, um etwas zu erleben.

Und eine Skiausrüstung hatten auch viele überhaupt nicht, konnten es sich auch gar nicht leisten.

Irgendwann glätteten sich die Wogen. Alle Probleme waren gelöst.

Gespannt und voller Vorfreude trafen wir am Montag in der Früh auf dem Schulhausplatz ein. Die Reisecars der Firma Bösch waren bereit zum Einsteigen. Wir gaben unseres Skis und Rücksäcke ab. Schlitten wurden verladen. Kistenweise Gesellschaftsspiele, Bastelsachen und Esswaren fanden Platz im Bauch des Cars. Dann endlich ging es los. Einige Eltern waren auch bei der Abfahrt dabei und alle winkten sie den zwei Bussen nach. Die brachten uns über Wasserfluh und Ricken in die Linthebene. Dort bei Siebnen schlängelte sich eine schmale Strasse ins Wägital. Es ging an Felsen vorbei, durch den Ort Vorderthal und plötzlich, kurz vor Innerthal öffnete sich das Tal und der Wägitaler See lag strahlend blau vor uns. Rundherum eine weisse, tief verschneite Winterlandschaft.

Der Bus machte eine Rechtskurve und überquerte die Staumauer. Am Ende der Mauer ging es nochmals rechts, zwei Kehren hinauf zum Lagerhaus.

Dann packten wir unsere Siebensachen aus und bezogen die Zimmer. Klar nach Mädchen und Knaben getrennt waren die Schlafsäle. Aus pädagogischen Gründen waren aber Jungs in verschiedenem Alter miteinander im selben Raum.

Dann packten wir die Skis und verliessen das Haus. Die Schüler, die keine Skis hatten oder gar nicht Ski fahren konnten, wurden in eine andere Klasse eingeteilt und nahmen ihren Schlitten mit.

Der Schnee knirschte unter unseren Lederschuhen. Mit aller Kraft hatte ich die Schuhbändel der Doppelbindung meiner Lederskischuhe angezogen. Damit ich dann ja einen guten Halt hätte auf den Skis. Schnallenskischuhe kannten wir nur aus dem Fernsehen, wenn wir unseren Idolen Roland Colombin, Bernhard Russi, Phillipe Roux oder Walter Tresch zuschauten. Die schnellen Frauen, allen voran Marie Theres Nadig oder Lise-Marie Morerod wurden natürlich jeweils ebenso bejubelt.

Dann kamen wir am Skihang an. Ein unendlich langer Hang lag vor uns. Er schien bis zum Himmel zu reichen. Wir legten los. Einer neben dem andern stampften wir unsere Skipiste in den Schnee. Das war für uns völlig normal. Auch zu Hause bauten und präparierten wir so jeweils unsere Skipiste am Rösslibüchel.

Doch hier gab es eine wunderschöne breite Piste, weil so viele Personen mithalfen. Was für ein Traum!

Dann, als wir alle weit oben im Hang standen, setzte einer der Lehrer ein paar Stangen, um die wir dann schöne Kurven fahren durften.

Jeder gleitete auf seine Art den Hang hinunter. Die einen im schönen Stemmbogen, die anderen auf dem Hosenboden. Die Keilhosen fest in den Skischuhen verstaut, gab jeder sein Bestes.

Als die Klasseneinteilung abgeschlossen war schulterten wir unsere Skis und es ging zurück in die Unterkunft, wo es ein Mittagessen gab.

Nachmittags bauten wir alle zusammen nochmals an der Skipiste und zogen ein paar Kurven in den Schnee.

Dann ab nach Hause zum Nachtessen.

Nach dem Abendessen gab es verschiedene Programme. Die einen waren mit Basteln beschäftigt, die anderen horchten gespannt der Erzählung einer spannenden Geschichte.

Todmüde fielen wir bald in unsere Betten.

Von irgendwo hörte ich dann ein leises Wimmern. Ein Mitschüler hatte Heimweh. Es war so schlimm, dass er am nächsten Tag krank nach Hause begleitet wurde.

Am zweiten Tag durfte die Klasse, die am besten fahren konnte, an den Skilift. Der einzige Bügellift war in Innertkirchen. Ein oder zwei Kilometer von der Unterkunft entfernt.

Der Höhepunkt war aber die grosse Skitour. Wir montieren die Felle an unsere Skis. Die Lederschuhe steckten in den Backen der Skibindung. Wir lösten den Kabelzug hinten rechts und links am Ski aus der Führung und so konnten wir die Füsse nach oben bewegen.

Nun stapften wir einer nach dem anderen den Berg hoch über den Schrähwald bis Eggstofel. Der Leiter hatte einen Schlüssel zur Alphütte. Wir entfachten ein Feuer unter einem alten Kessel, erhitzten Wasser, warfen ein paar Bouillonwürfel rein und kochten Bouillon. Darin wärmten wir für jeden von uns einen Schüblig. Was für ein wunderbares Essen war denn das!

Bald mahnte man uns zum Aufbruch. In langen Kurven fuhren wir zurück ins Tal. Das war nicht so einfach, denn es gab ja absolut keine Pisten. Oft flog einer von uns im weiten Bogen in den tiefen Schnee. Und da wir noch keine Sicherheitsbindungen hatten, mussten wir uns zuerst die Skier von den Füssen lösen, um überhaupt wieder aus dem tiefen Pulverschnee zu finden. Müde und glücklich kamen wir in unserem Lagerhaus an, wo wir uns aufwärmten und einen wundervollen Znacht bekamen.

Ein weiterer Höhepunkt war der Nachmittag am Skilift. Es war schon behaglich, sich einfach so raufziehen zu lassen, um dann im vollen Schuss die von einer Maschine gemachten Piste runter zu sausen. Nur war es langweilig, denn wenn wir eine Mutprobe machen wollten, wer denn nun einfach den ganzen Hang in einem Zug runter rasen würde, schritt der Lehrer ein und verbot uns den Spass.

Und schon war es Freitagabend. Filmabend!

Alle sassen im grossen Esssaal. Die Leiter hatten einen Filmprojektor aufgestellt. Mit grossen Augen beobachtete ich, wie die Filmspule eingelegt wurde. Dann bewegte sich ein Streifen von der Rolle und auf der Leinwand erschienen die Zahlen fünf – vier – drei – eins! Und dann plötzlich bewegte Bilder. Eine Stunde lang die Geschichte des Riesen, der von einem kleinen Junge gebändigt wurde. Sie wurden dicke Freunde und taten viel Gutes.

Dann Samstagmorgen.

Alles musste geputzt werden. Nun war auch noch der örtliche Abwart eingetroffen, der diese Arbeiten kontrollierte.

Dann kamen die Reisebusse und brachten uns nach Hause.

Stundenlang stand ich danach in der Küche des Landgasthofes und erzählte mit strahlenden Backen von den Abenteuern im Skilager und was ich alles erlebt hatte im Wägital, wo es einen Skilift gibt, eine Schlittelbahn und unglaublich viel Schnee.

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