Telegraph Road

von | 2. Feb.. 2020 | Journal

Telegraph Road

‘Dire Straits’ klingt aus dem kleinen Böxli, das ich per Bluetooth an mein IPhone 11 max angemeldet habe.

Synthi – Töne zerschneiden die Luft. In meinen Gedanken fahre ich der Telegraph Road entlang, sehe Holzmasten an mir vorbeigleiten. Auf den Drähten, die durchhängen, sitzen ein paar schwarze Vögel. Ich fühle mich wie der einsame Mann, der allein diese Strasse entlang fährt.

Langsam beginnt die Gitarre zu klingen. Zitternd bewegt sie sich durch die Melodie. Dann kommt Rhythmus dazu und die Bilder in meinem Kopf weichen Erinnerungen.

Das Autobahnkreuz Egerkingen – befahren von Autos ohne Kopfstützen und Sicherheitsgurten. Sattelschlepper und Lastwagen, die dicke Rauchwolken aus ihren Auspuffen stossen.

Immer schneller wird die Musik und nimmt mich mit auf die Reise.

Dieses Autobahnkreuz im Jahr 1984, die Drehscheibe der Schweizer Autobahnen. Das Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Die Schweiz triff sich hier von Süden aus dem Tessin und Italien, von Norden aus Basel und Deutschland, von Westen aus Genf und von Osten aus St. Gallen.

Die Spuren sind spärlich befahren. Es sind noch nicht so viele Fahrzeuge unterwegs. Es macht Spass, über diese Autobahn zu cruisen.

Das Klavier mischt sich ein und zusammen mit der Gitarre entsteht diese unverkennbare ‘Dire Straits’ Melodie.

Ich lenkte meinen frisch polierten und strahlend blütenweissen OPEL Kadett GTE über die Autobahn N1. Der querliegende1.8 Liter Vierzylinder Direkteinspritzer mit 115 Pferdestärken schnurrte genüsslich unter der Haube.

Auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle im Berner Oberland fuhr ich regelmässig auf der Autobahn von Wil SG nach Thun über dieses Autobahnkreuz.

Kurzentschlossen verliess ich die N1 Richtung Autobahn N2 Basel und stellte den Blinker in die Ausfahrt Egerkingen. Dort lag das Motel Egerkingen. Ich wollte doch mal einen Kaffee trinken, wo so grosse Schweizer Fernsehgeschichte geschrieben wurde.

Motel, so hiess die Fernsehserie, die am 8. Januar 1984 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Jörg Schneider als Küchenchef, Silvia Jost als Gouvernante und Dani Levy als Koch ‚Peperoni‘ waren die Hauptdarsteller. Insgesamt wurden 40 Folgen unter der Woche gedreht und am Sonntagabend ausgestrahlt.

Nun sass die Fernseh – Schweiz Sonntagsabend vor ihren Geräten, um dieser Serie zu frönen.

Eine Wiederholung wurde jeweils an den Wochentagen darauf nachmittags ausgestrahlt, was mir ermöglichte zu schauen, was meine Kollegen aus der Gastronomie neues Schlimmes angestellt hatten.

Es gab die erste Nacktszene am Schweizer Fernsehen, eine schwule Liebesszene und viel düstere Wirklichkeit. Die Boulevard Zeitung Blick hatte es sich zum Ziel gemacht, die Serie nach jeder Ausgabe kaputt zu machen. Nichtsdestotrotz wurden die Serie und ihre Darsteller Kult.

Telegraph Road von ‘Dire Straits’ war der Titelsong und jedes Mal, wenn ich nun diesen Song höre, dann sehe ich mich am Autobahn Kreuz Härkingen in die Freiheit fahren.

Wann fuhren Sie zum letzten Mal in die Freiheit Richtung irgendwo?

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