Die Gemeindeleiterin in der Gallus Kapelle in Arbon schluckte leer und staunte nicht schlecht, welchen Wunsch ich unseren Enkelzwillingen Lynn und Amelie auf den Weg gab.Auf dem Programm der Taufe stand: Fürbitte oder Wünsche der Familie. Meine Tochter Sarah hatte...
Trout Lake – White Pass
Noch 669 km bis Kanada!
Da ich nun plötzlich Zeit hatte und meine letzten Etappen auf dem Pacific Crest Trail richtig geniessen konnte, blieb ich einen weiteren Tag in dieser irischen Pension in Trout Lake. Die Pension liegt in einem kleinen Wald an einem wunderschönen Fluss.
Wieder wurde ich durch diesen Fluss an meine Jugendzeit erinnert. Stundenlang schwammen und tauchten wir im ‚Mannägumpä‘ am Necker. Versuchten Bachforellen zu fangen und stauten den Fluss, damit wir einen grösseren Gumpen bekämen, um zu schwimmen.
Doch nun bin ich in Amerika. Ich wandere auf dem Pacific Crest Trail. Am Samstag den 27. August ging es weiter. Im ‚General Store‘ des kleinen Ortes deckte ich mich mit allem ein was ich brauchte. Lebensmittel, Toilettenpapier und Wasser mussten aufgefüllt werden. Ich achtete immer darauf, dass ich ab und dann meine Wasserflaschen gegen neue austauschte. Denn die Flaschen waren gerne Nährboden für irgendwelche Keime.
Vor dem ‚General Store‘ wartete bereits eine Gruppe von ‚Thru Hikern‘ auf einen Ride an den Trailhead. Am Schluss sassen 14 Hiker in und auf einem Ford Pick-Up von Trail Angel ‚Sean‘. Er gab sein Logbuch in die Runde und jeder trug sich ein. Mein Eintrag war immer derselbe: ‚Chef, Switzerland, Nobo, I hake my own hike!‘ Nobo steht für ‚Northbound‘. Das sind die Hiker die von Mexiko nach Kanada wandern. Chef ist mein Trailname.
Nach einer Fahrt von 20 Minuten und 10 Meilen stiegen wir am Trailhead aus. Dort warteten bereits ein Dutzend Hiker auf einen Ride in den Ort. Eine junge Frau kam auf mich zu: ,Hi, are you German?‘ , No, I’m Swiss!‘ ‚Genau, wir haben uns doch am 10. Mai in Lake Morena getroffen. Erinnerst du dich? Ich bin die Jutta aus Deutschland!‘ Nun erinnerte ich mich. Sie war die erste Hikerin, die mir ihre Telefonnummer diktierte, damit wir in Kontakt bleiben konnten. Und nun, nach fast vier Monaten trafen wir uns wieder. Jutta hatte auch die Feuer umgangen und wollte nun einen Tag in Trout Lake bleiben.
Wir verabschiedeten uns und ich wanderte den Berg hoch. Wie üblich an einem Weekend waren sehr viele Day- und Weekendhiker unterwegs. Nach einigen Kilometern stellte ich fest, dass links und rechts des Trails ‚Huckelberrys‘ wachsen. Ich konnte nicht anders und sammelte genüsslich diese feinen, reifen Beeren. Da kam ein älteres Ehepaar aus dem Gebüsch. Ich erschrak. Doch sie grüssten freundlich und machten mich darauf aufmerksam, dass ich die grössten Beeren pflücken solle. Die seien richtig gut. Sie hätte ihren Wagen ein Stück weiter unten auf dem Parkplatz parkiert. Nun würden sie hier den ganzen Tag Blueberries und Huckleberries pflücken. Der Mann hatte diesen Platz entdeckt, als er den PCT vor drei Jahren wanderte. Sie pflückten die Beeren nun jedes Jahr. Doch so viele Beeren wie dieses Jahr hätte es schon lange nicht mehr gehabt. Der Grund sei das Feuer, das letztes Jahr den Wald genau hier zerstört hätte. Dadurch käme mehr Licht und Wärme auf den Boden und die Büsche könnten sich besser vermehren. Ich genoss das Gespräch und die Beeren und wanderte weiter.
Dann überholten mich zwei Hiker. Doch ich stellte fest, dass es sich um Jäger handelte. Die Läufe ihrer Jagdgewehre ragten aus ihren Rucksäcken heraus. Fein säuberlich hatten sie die Mündung mit klarem dünnem Klebestreifen zugeklebt. Ich kam mit ihnen ins Gespräch. Sie waren auf dem Weg zu einem guten Zeltplatz. In einigen Tage würde die Jagd aufgehen und in dieser Gegend seien Schwarzbären eine richtige Plage. Später entdeckte ich die Beiden, wie sie ihre unscheinbaren, grünen Zelte versteckt unter Bäumen aufgeschlagen hatten.
Oben auf dem Hügel, aber immer noch unter hohen und dichten Tannen, kochte ich mir mein Mittagessen. Wieder einmal war ich unvorsichtig gewesen und hatte ein ‚Hikermenu‘ gekauft, das ‚Hot‘ – also scharf – war. Eigentlich mag ich scharf nicht und ich wundere mich jedes Mal, warum so viele dieser dehydrierten Menus scharf sind. Mit diesen Menus funktioniert es so: In einem Beutel sind fertig gekochte Lebensmittel eingeschweisst. Die Lebensmittel wurden gefriergetrocknet. Als ‚Hiker‘ erhitzt du 22 oz Wasser. Das kochende Wasser giesst du zu diesem Gericht in den Beutel. Dann wird alles gut gemischt. Beutel satt verschliessen und acht Minuten warten. Aufmachen und nochmals alles vermischen. Erneut satt verschliessen und nach einigen Minuten ist die Speise genussbereit. Durch das Verfahren gefriertrocknen sind die verschlossenen Beutel trocken gelagert Jahrzehnte haltbar ohne Kühlung. Es schmeckte nicht mal schlecht und ich hatte wieder Energie um weiter zu wandern.
Abends stellte ich mein Zelt in einer wunderschönen Lichtung auf und ass die zweite Hälfte der Beutelspeise. Danach noch ein Twix to share, das ich mit mir selber teilte. Und schon schlief ich tief und fest.
Mein Morgenritual brachte ich immer zügiger voran. Müesli mischen, Kaffee kochen, alles zusammen packen. Zelt abbauen und im Rucksack verstauen. Schon nach kurzer Zeit knirschte der Sand auf dem Trail unter meinen schweren Wanderschuhen. Zügig ging es voran, bald baute ich mein Zelt die nächste Nacht auf.
Am nächsten Tag erblickte ich den Mount Adams von der anderen Seite. Der Trail stieg sanft und flowig. Ich war seit Trout Lake fast rund um den Mount Adams gewandert . Es war kalt geworden. Bereits in der Nacht zuvor hatte ich alles angezogen, was ich hatte.
Fröhlich und gut gelaunt wanderte über die Berge. Nach weiteren Wandertagen erreichte ich die Goats Rock. In diesen Bergen leben wilde Ziegen. Leider traf ich keines der Tiere an. Dann überquerte ich Knife’s Egde. Ähnlich dem ‚Lysengrat‘ zwischen Säntis und Rotsteinpass klettert man über einen schmalen Grat. Der Trail schlängelte sich über Steinfelder, wird abrupt steil oder fällt fast senkrecht in die Tiefe. Dann sah ich plötzlich den Sessellift vor mir. Die Sessel schaukelten im Wind. Nach sechs Tagen kam ich in Ski Resort White Pass an, wo ich neue Verpflegung kaufen konnte.
Doch ich staunte nicht schlecht als ich morgens um neun den Store betrat. Die Gestelle waren leer. Es gab keine ‚Hikermenus‘ und Frischprodukte waren kaum erhältlich. Ich kaufte zusammen, was noch da war. Gleichzeitig fand ich in der Hikerbox einige Pakete Ramennudeln und Granola. So müsste es die nächsten sieben Tage bis nach Snoqualmie überleben können.
Noch 576 km bis Kanada.
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