Die Gemeindeleiterin in der Gallus Kapelle in Arbon schluckte leer und staunte nicht schlecht, welchen Wunsch ich unseren Enkelzwillingen Lynn und Amelie auf den Weg gab.Auf dem Programm der Taufe stand: Fürbitte oder Wünsche der Familie. Meine Tochter Sarah hatte...
White Pass – Snoqualmie Pass
Als ich das Ski Resort am White Pass verliess war es bereits September geworden. Ich hatte die Nacht auf einer Wiese nahe dem Highway 90 verbracht. Ständig stoppten die schweren gekühlten Trucks. Dann liefen die Motoren hochtourig im Standgas. Wahrscheinlich um die Kühlung wieder in Schwung zu bringen. Es war ein ständiges Brummen von Motoren und vorbeirauschen von anderen Fahrzeugen. Keine gute Nacht!
Am Tankstellenshop kaufte ich mir am Morgen danach einen Kaffee und wanderte weiter. Es folgte einmal mehr ein langer Aufstieg durch dichten Wald. Es war nochmals richtig heiss und ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, dass es nun bald Herbst werden würde.
Zahlreiche ‚Ponds‘ lagen am Weg. Doch auf diesem Abschnitt des Pacific Crest Trail war anscheinend Vorsicht geboten. Es war zu Erkrankungen durch Noro Virus und Corona gekommen. Vor allem auch, da in sich in White Pass Ski Resort alle Hiker am selben Ort treffen. Viele Re-Supply Boxen werden dorthin geschickt. Es wird eingekauft. Zu viel erhaltene Verpflegung wird in die ‚Hikerbox‘ gelegt. Es gibt viele Berührungspunkte, um sich mit einem Virus anzustecken oder eine Krankheit zu verbreiten.
In einer wunderschönen Senke an einem fliessenden Creek stellte ich mein Zelt auf. Nach mir tauchten noch weiter Hiker auf. Ich lernte ‘Hubs’ kennen. Die Frau lebte während über 30 Jahren in Australien und wollte nun in die USA zurückkehren. Sie war pensioniert und sucht ein schönes Plätzchen in Nord Oregon oder Washington, um sich ein Haus zu kaufen. Sie würde noch viel wandern und Zeit in der Natur verbringen. Sie erzählte weiter, dass sie ehrenamtlich in einem Hospiz arbeiten würde, um Menschen auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Als ich in mein Zelt kroch, war ich sehr nachdenklich. Was würde ich nach meiner Rückkehr machen?
Früh am nächsten Tag brach ich auf. In den anderen Zelten war es noch ruhig. Es war in der Nacht kalt geworden. Nach einem Anstieg sah ich Nebel durch die Hügel und Berge ziehen. Ein kalter Wind pfiff über die Felsen. Dann sah ich den Mount Rainier. Für eine kurze Zeit stand kein Baum im Weg. Fast erschrak ich. Riesig stand der weisse Berg vor mir.
An den Flanken des Vulkanes erstreckte sich ein ausgedehntes Skigebiet. Ich sah, wie die Kabinen einer Bergbahn auf einen Sattel glitten. Unten im Tal standen auf einem grossen Parkplatz hunderte Autos. Trailer waren parkiert. Da musste echt was los sein. Und ich hatte ‚Cell Phone Connection.‘ So konnte ich mit meiner Traumfrau und deren Familie einen Video Call machen. Sie konnten zusehen wie die Nebelfetzen durch die Hügel und Berge zogen.
Ich überquerte den Chinook Pass. Das Wasser wurde wieder zum Thema. In Washington hat es sehr viele ‚Ponds.‘ Das sind Seen, die aus Schmelzwasser der riesigen Schneefelder entstanden sind. Die Ponds fliessen wohl ab, haben aber keinen natürlichen Zufluss. Das Wasser ist in Ordnung, kann aber auch ein Sammelbecken von Viren und Bakterien sein. So machte ich es mir zur Gewohnheit mein Wasser immer aus Fliessgewässern zu filtern. Von kleinen tropfenden Quellen bis zum reissenden Creek war alles dabei. Kurz vor dem Chinook Pass war es dann nicht mehr möglich und ich war gezwungen aus einem ‚Pond‘ stehendes Wasser zu filtern. Auch nach einer Nacht, in der es abgekühlt hatte, war das Wasser lauwarm.
Doch alles ging gut und auch nach weiteren Tagen auf dem Trail war ich gesund und munter. Abends holte mich ‚Hubs‘ ein. Sie erzählte mir, dass sie soeben erfahren habe, dass der PCT an der Grenze gesperrt sei. Es hätte ein grosses ‘Wildfire’ in Kanada nahe der Grenze gegeben. Das Feuer breite sich über die Grenze aus und darum sei das Northern Terminus nicht mehr erreichbar. Ich hatte gelernt, dass sich die Begebenheiten täglich ändern konnten und so machte ich mir noch keine grossen Gedanken.
Am folgende Tag kam ich zu einer Waldhütte. Wieder waren Plakate angebracht, dass man sich die Hände desinfizieren und vorsichtig sein soll. Der Noro Virus sei ein Problem. Die Hütte mitten in der Wildnis gehörte einem Club von ‘Jeepern’ und Snowmobil Fahrern. Im Innern fand ich eine eine mit Eis gefüllte Kühlbox, darin Sodas, Bier und Proteinriegel. Ich bediente mich und setzte mich an die kalte Feuerstelle. Dann packte ich mein Zelt aus und liess es draussen an der warmen Sonne trocknen.
Ich hörte Motorengeräusch. Ein paar Spaziergänger näherten sich dem Platz. Sie waren mit ihren Geländefahrzeugen über die Schotterstrassen und Jeep Pisten auf den Berg gefahren. Ich packte zusammen und machte mich auf den Weg. Auf dem Parkplatz unweit der Hütte hatten sich ein paar ‘Jeepers’ versammelt. Einer hatte seinen Jeep Rubicon so parkiert, dass das rechte Vorderrad auf einem hohen Wurzelstock auflag. Nur ein Jeep konnte solche Verschränkungen wegstecken. Ich erzählte, dass ich in der Schweiz einen ‘Grand Cherokee Trailhawk’ fahren würde. Doch dieser eingefleischte Offroader hatte nicht mal ein Lächeln dafür übrig! Ich hatte fast das Gefühl, sein Gesicht drücke Bedauern aus!
Der Trail war nun sanft zu bewältigen. Weicher Waldboden federte die Schritte ab und der Weg stieg sanft oder senkte sich leicht. Nach einer Biegung kam mir eine junge Frau entgegen. Sie rief mir etwas zu. Doch ich hatte sie nicht verstanden. Sie erklärte mir, dass es nach einer Meile ein wunderbares ‚Trail Magic‘ gab. Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht.
Und wirklich. Nach einige hundert Metern hatten drei Trail Angels eine Chilbi aufgestellt. Zwei Offroader standen am Strassenrand einer Sandpiste in einer Sackgasse. Drei Baldachine sorgten für Sonnen- und Wetterschutz. Es gab einen Grill, eisgekühlte Getränke, Früchte und Gemüse, eine ‚Hikerbox‘. Wir wurden verwöhnt. In der ‚Hikerbox‘ waren keine Dinge der Hiker, sondern die Trail Angels hatten einfach verschiedene Hiker Gears und Lebensmittel eingekauft, die man mitnehmen durfte. Es war unglaublich. Noch vor zwei Tagen hatte ich Angst, da mein Wasserfilter zwei Löcher hatte und zu zerreissen drohte. Nun lag da ein neuer Filter, den ich einfach mitnehmen durfte.
Das Thema war natürlich die Feuer und dadurch die Sperrung des Trails. Inzwischen gab es auch keine Umleitung mehr und der Trail musste bereits am Harts Pass verlassen werden.
Nach einigen Stunden Zusammensein ging es weiter. Ich durchwanderte den Mount Rainier Nationalpark. Das Wasser floss wieder. Doch ich kam kaum vorwärts, da ich dauernd Huckleberries und Blueberries pflücken und essen musste.
Unterdessen war ich zehn Nächte draussen in der Natur. Noch zwei Nächte und ich würde auf dem Snoqualmie Pass ankommen. Als ich Netz hatte reservierte ich mir ein Zimmer für zwei Nächte im Summit Inn.
Am nächsten Tag wollte ich nochmals richtig vorwärtskommen. Möglichst nah an den Pass, damit ich vormittags dort eintreffen würde. Ich startete früh und es ging gut vorwärts. 15 km vor dem Ziel Snoqualmie Pass lag der Mirror Lake. Doch nach diesem See gab es noch einen Aufstieg von einem Kilometer. Es war sechs Uhr abends als ich am Mirror Lake ankam. Ich liess die wunderschönen Campsites links liegen und begann den Aufstieg. Leider hatte ich die Rechnung ohne die Natur gemacht. Denn als ich oben war, fand ich mich auf einem schmalen Grat. Weit und breit keine Möglichkeit zu campen. Bald musste ich die Stirnlampe montieren um überhaupt weiter weiter wandern zu können. Mehr stolpernd als wandernd ging es vorwärts. Weit nach neun in völliger Dunkelheit fand ich einen Platz auf dem ich meine Zelt aufstellen konnte. Einige kleine Bäume musste ich übersehen haben. Ich bemerkte diese erst am nächsten Tag.
Der Abstieg zum Snoqualmie Pass war nochmals sehr anspruchsvoll. Immer wieder steile Geröllfelder und hohe Felsenstufen waren zu überwinden. Schon lange hörte ich den Lärm der Interstate, die über den Pass führt. Dann sah ich die ersten Skilifte und aus dem Wald gerodeten Skipisten. Nun konnte es nicht mehr weit sein. Ich trat aus dem Wald und der Pass lag vor mir. Noch einige Kehren und ich lief in Snoqualmie Pass ein. Eine Cola an der Tankstelle und einfach mal ankommen.
Später genoss ich ein Frühstück im Hotel Restaurant. Da gesellte sich ein junger Mann zu mir. Er stellte sich als Guido aus Entlebuch vor. Guido war nur mit Esta in die USA eingereist und war schnell nach El Salvador geflogen um sich nochmals drei Monate hier aufhalten zu können. Lustig war, dass bereits Urs aus Solothurn von diesem Guido erzählt hatte. Man trifft sich immer wieder.
Nachmittags konnte ich im Summit Inn einchecken. Nach zwölf Nächten war es ein wundervolles Gefühl mal wieder in eigene vier Wände zu kommen. Duschen, Wäsche waschen und einfach schlafen. Doch mitten in der Nacht wachte ich mit Bauchschmerzen auf. Aus dem Nichts wurde ich von üblem Durchfall heimgesucht. Und am nächsten Morgen musste ich mich übergeben. Wie aus weiter Ferne vernahm ich, dass der Stevens Pass nun geschlossen sei. Ein grosses Feuer war in der Nähe von Skykomish ausgebrochen. Es gäbe keine Ausstiegsmöglichkeit nach Leavenworth
Doch ich hatte andere Sorgen. Ich war echt krank geworden. Es machte mir Mühe über die Treppe an die Reception zu klettern um meinen Aufenthalt zu verlängern.
Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte, denn ich musste am Stevens Pass raus, da mein Bounce Paket in Leavenworth lag. Doch als ich am nächsten Tag aus dem Fenster schaute lag das ganze Tal im dichten Rauch. In einem Tag hatten sich fünf neue ‘Wildfire’ entzündet.
Ich war krank. Der Trail war zum Teil gesperrt. Der andere Teil lag im dichten Rauch. Mein Bounce Paket lag in Leavenworth. So entschied ich mich das Abenteuer Pacific Crest Trail im Moment abzubrechen und nach Leavenworth zu hitchen.
In Leavenworth war die Situation klar. Das ganze Tal war voller Rauch. Der Wetterbericht warnte vor starker Feinstaubbelastung. So entschied ich mich, nicht mehr auf den Trail zurück zu kehren.
Ich wanderte über 3’200 km auf dem Pacific Crest Trail. Habe unglaubliche Momente erlebt, die ich noch gar nicht verarbeiten konnte. In weiteren Blogposts werde ich Geschichten von diesem Abenteuer beschreiben.
Es fehlen ca. 300 km bis Kanada! Doch die Grenze ist nicht erreichbar und ich bin glücklich und dankbar für das, was ich erlebt habe!
Du willst mir auf weiteren Kanälen folgen?
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